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Die Migranten sind die Letzten, die von der verfehlten Migrationspolitik profitieren


Wenn sie einmal auf Lampedusa angekommen sind, verhalten sich die Migranten sehr verschieden. Wer Geld hat, geht auf der Via Roma einkaufen. Die Syrer sind bekannt dafür, dass sie gleich nach der Ankunft Kleidung kaufen. Manche kaufen Alkohol. Und alle besorgen sich sofort Telefonkarten, um nach Hause zu telefonieren und ihren Familien mitzuteilen, dass sie in Europa angekommen sind, und um ihre wie auch immer gearteten Kontakte für die nächste Phase der Reise zu erreichen.

Das Übergewicht junger Männer ist immer spürbar. Sie sind hierhergekommen im Auftrag ihrer Familien und hoffen, ihnen bald Geld schicken zu können. Aber am allermeisten hoffen sie, dass ihre Familien bald werden folgen können, um wieder zusammen zu sein.

2013 war der Zustrom so groß, dass die Regierung den ungewöhnlichen Schritt unternahm, die Neuankömmlinge mit dem Flugzeug nach Sizilien oder auf das Festland zu bringen. Im Juli besuchte Papst Franziskus Lampedusa und erlebte einen ekstatischen Empfang. Er warf einen Kranz ins Meer und leitete eine Open-Air-Messe, ein kleines bemaltes Boot diente als Altar. Er nutzte den Besuch, um die »globale Gleichgültigkeit« anzuprangern, und drängte die Welt, ihr »Gewissen wiederzuentdecken«. Für die Einwohner schien der Besuch am Ende eine angemessene Anerkennung dessen zu sein, was auf ihren Schultern lastete.

Dann, am 3. Oktober 2013, sank ein Boot vor der Küste, das in Misrata in See gestochen und vor allem mit Schwarzafrikanern belegt war. Die italienische Küstenwache rettete mehr als 100 Menschen, aber über 300 waren ertrunken. Italien verkündete einen Tag der öffentlichen Trauer, die Flaggen wehten auf Halbmast, und in allen italienischen Schulen gab es eine Schweigeminute. Auf Lampedusa fand eine stille Prozession mit Kerzen statt, und fast alle Einwohner der Insel nahmen an einer Abendandacht teil. So viele Tote wurden in den Hangar des Flughafens gebracht, dass der kleine Flughafen zu einer notdürftigen Leichenhalle wurde.

Es folgte ein politischer Aufschrei nicht nur in Italien, sondern in der ganzen Welt. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erklärte, die Tragödie beweise, dass wir »mehr Kanäle brauchten für die sichere und ordnungsgemäße Migration«. Im gleichen Monat sanken noch mehr Boote mit mehreren Dutzend Menschen. Nun forderte der Ministerpräsident des nahen Malta mehr europäische Hilfe und beklagte zugleich, dass das Mittelmeer dabei sei, ein Friedhof zu werden. Endlich wurde wirklich international registriert, was um Lampedusa herum geschah.

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Als eine direkte Antwort darauf startete die italienische Regierung mit einiger Unterstützung die Aktion »Mare Nostrum«. Die Mission der italienischen Marine im 70 000 Quadratkilometer großen Seegebiet um Lampedusa herum war, Migrantenschiffe zu suchen und zu retten. Die Fregatten und Hubschrauber wurden von den Radarnetzwerken an der Küste unterstützt, was die italienisch Regierung etwa 9 Millionen Euro im Monat kostete. NGOs kooperierten mit der Aktion und erreichten, dass sie an Bord sein durften, wenn Migrantenboote aufgefangen wurden.

Diese Aktionen halfen zweifellos viele Leben zu retten, schufen jedoch auch neue Probleme. So konnten jetzt die Schleuser, die von der gesetzlosen libyschen Küste aus operierten, noch weniger brauchbare Boote einsetzen als bisher. Mit Mare Nostrum rückte die Küste Europas noch näher an Libyen heran. Alles, was die Schleuser jetzt nur noch tun mussten, war, irgendein Boot auf das Wasser zu bringen. Wenn es nicht sofort unterging, war die Chance groß, dass es auf halbem Wege auf die italienische Marine traf, manchmal sogar noch früher. Wenn das Boot seetüchtig war, schleppte es die Marine in den Hafen von Lampedusa.

Normalerweise wurden die Migranten zuerst auf die italienischen Schiffe gebracht. Diese Operation – die etwas weniger als ein Jahr dauerte – wurde von vielen internationalen Organisationen begrüßt, unter anderem von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die italienischen Schiffe haben in diesem Zeitraum schätzungsweise 150 000 Menschen nach Europa gebracht, und die IOM war nach wie vor der Meinung, dass die Operation keineswegs noch mehr Menschen ermutigt habe, die Überfahrt zu wagen.

Die Zahl der Migranten war riesig und ein Ende nicht in Sicht. Die Kosten von Mare Nostrum explodierten, sodass es für die italienische Regierung, die ohnehin mit den Krisen der Eurozone zu kämpfen hatte, zu viel wurde. Ein ganzes Jahr lang suchten die Behörden nach Hilfe, bekamen aber kaum welche, und so wurde die Aufgabe von Mare Nostrum an die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) unter dem Namen »Operation Triton« weitergegeben. Auch diese Mission suchte nach Booten, die aus Nordafrika ablegten, und holte die Migranten entweder auf die Frontex-Schiffe oder lenkte ihre Boote nach Lampedusa oder Augusta auf Sizilien, ebenfalls der Zielhafen von vielen Schiffen. Während der ganzen Zeit stritten sowohl Frontex als auch andere Verantwortliche ab, dass von der Operation ein Anreiz für die Migranten ausgehen würde.

Aber wie konnte das sein? Auf der einen Seite des Mittelmeeres warteten Menschen aus ganz Afrika, dem Nahen Osten und sogar von Fernost, manche schon seit Monaten unterwegs, nur um an die libysche Küste zu gelangen und diese letzte Etappe ihrer Reise anzutreten. Die Aussagen der italienischen Regierung und die europäische Haltung sickerten sicherlich zu ihnen durch. Das war eindeutig ein großer Vorteil für die Schleuser. Nicht zuletzt sorgte die größere Nachfrage für höhere Preise und für noch mehr Menschen, die sie in ihre Boote packen konnten.

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Die Krise des Westens spitzt sich zu

Manche Migranten zahlten allein für die Überfahrt 4000 Euro. Doch der Handel war nur selten ehrlich. Vergewaltigungen waren alltäglich, egal, ob die Frauen mit oder ohne Begleitung reisten. Viele Migranten erreichten Libyen, nur um noch mehr Geld zahlen zu müssen, als sie schon gezahlt hatten. Besitztümer wurden ihnen weggenommen. Manche Migranten berichteten, die Schleuser hätten ihnen ihre Mobiltelefone genommen, um damit zu filmen, wie sie missbraucht und gefoltert wurden. Das Video verschickten sie dann an die Familien der Migranten mit der Forderung, noch mehr Geld zu zahlen. Die italienischen Behörden wissen durchaus, wo die sicheren Unterschlüpfe der Schleuserbanden sind, können aber so gut wie nichts gegen sie unternehmen.

Obwohl all die Ankömmlinge auf Lampedusa weltweit als »Migranten« oder »Flüchtlinge« bezeichnet werden, sind es sehr verschiedene Menschen mit verschiedener Herkunft und den unterschiedlichsten Gründen, sich auf diese Reise zu begeben. Nichts zeigt das besser als die Hierarchie, die auf den Booten entsteht. Rassismus unter den Migrantengruppen gehört zum Alltag. Tunesier und Syrer schauen verächtlich auf Schwarzafrikaner herab, und das nicht nur metaphorisch. Die besten Plätze auf dem Boot, vorne und auf Deck, werden von diesen »besseren« Gruppen aus dem Nahen Osten und Nordafrika belegt. Eritreer, Somalier und andere sitzen oder stehen im Laderaum. Geht das Boot unter, werden diese Menschen als Erste ertrinken.

Während des Sommers 2015 sprach ich mit zwei etwa zwanzigjährigen Eritreern, die still am Hafen saßen und hinaus auf die See blickten, wo sie herkamen. Während am Horizont große Kriegsschiffe kreuzten, zeigten sie mir ihr Boot, mit dem sie eine Woche zuvor angekommen waren und das jetzt zwischen den Schiffen der italienischen Behörden lag. Verglichen mit den heruntergekommenen alten Booten, die sonst von Libyen ablegen, war es einigermaßen seetauglich. Die Küstenwache hatte es entdeckt, und dann wurde es von einem Hubschrauber und Rettungsbooten in den Hafen eskortiert. Die zwei Eritreer reisten ganz unten, im dunklen Laderaum des Schiffes, das nicht sank, und so sind sie am Leben geblieben.

Nach dem, was die Migranten vor und während der heimtückischen Überfahrt von Nordafrika durchgemacht haben, ist es nicht überraschend, dass sie auf Lampedusa erschöpft und traumatisiert ankommen. Manche haben Familienmitglieder auf der Reise verloren. 2015 traf ich einen Mann aus Nigeria, der im Hafen auf dem Boden saß, mit den Fäusten darauf einschlug und weinte wie ein kleines Kind. Das Boot, mit dem er kam, sank, eines seiner Kinder hatte er retten können, aber seine Frau und sein anderer Sohn ertranken vor seinen Augen.

Und trotzdem kommen sie, obwohl sie die Risiken kennen. Denn trotz all der Geschichten über sinkende Boote und des Sterben an Bord wissen sie, dass die meisten überleben, die italienischen Gewässer erreichen und europäische Bürger werden. Egal, ob sie vor politischer oder religiöser Verfolgung fliehen oder ein besseres Leben suchen, sie alle werden Asyl beantragen. Viele werden berechtigte Anliegen haben, und Italien wird verpflichtet sein, ihnen Asyl zu gewähren, entsprechend der Genfer Konvention und des Dublin-Vertrages der EU, wonach das erste Land innerhalb der EU, das der Migrant betritt und in dem er Asyl beantragt, auch verpflichtet ist, den Antrag zu bearbeiten und dem Migranten Schutz gewähren.

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Eine unverzichtbare Streitschrift

Die bittere Wahrheit ist jedoch, dass es unmöglich ist herauszufinden, wer wer und was wahr ist. Wäre der Strom der Antragsteller über Jahre nicht so gewaltig gewesen, hätte man aufgrund von Fingerabdrücken, Interviews und allem was folgt, eine umsichtige Einschätzung treffen können. Die Hintergrundgeschichten hätten geprüft und nachvollzogen werden können. Aber bei dem Massenansturm gab es dafür niemals eine Chance.

Zwei Faktoren machen alles noch schlimmer. Viele Migranten bringen bewusst keine Papiere mit, weil es ein Vorteil ist, nicht identifiziert zu werden. Infolge des Zeitmangels, unter dem die Behörden leiden, können die Menschen falsche Angaben über ihr Alter, ihre Identität und sogar ihre Nationalität machen. Als es bekannt wurde, dass eine bestimmte Gruppe bevorzugt behandelt werden würde, behaupteten plötzlich viele, sie seien Syrer, obwohl manche Helfer feststellten, dass sie weder einen syrischen Dialekt sprachen noch irgendetwas über das Land wussten, aus dem sie angeblich kamen.

Dieses Problem geht nicht zuletzt teilweise auf die NGOs zurück, die jede Migration nach Europa als Teil der »Grenzenlosen Welt«-Bewegung unterstützen. Als der Strom der Migranten nach 2010 anschwoll, beschlossen einige NGOs, den Migranten zu helfen, noch bevor sie in Europa ankamen. Sie versorgten sie mit leicht zugänglichen Informationen über den Aufnahmeprozess im Netz und über Apps. Mitarbeiter an der vordersten Front stellten fest, dass den Migranten immer klarer wurde, was sie erwartete.

Zum Teil war das das Ergebnis der zurücksickernden Informationen in die Ursprungsländer von jenen, die es geschafft haben. Aber es war auch ein Ergebnis der Bewegung, die den Migranten beibringt, wie sie in Europa bleiben können, ungeachtet dessen, ob ihr Antrag berechtigt ist. Diese Gruppen wissen sehr genau, dass Italien weder das Geld noch die Zeit hat, jeden Antrag sorgfältig zu prüfen.

Natürlich gibt es immer noch Menschen, deren Antrag abgewiesen wird, aber sie können Einspruch einlegen. Aber selbst wenn der Einspruch abgelehnt wird, passiert in der Regel kaum etwas. Es ist nicht einfach, einen Fall zu finden, in dem jemandem das Recht zu bleiben abgesprochen wurde und er in sein Ursprungsland zurückkehren musste. In sehr seltenen Fällen wurde mal ein Migrant, der Verbrechen begangen hat, in sein Heimatland zurückgeschickt. Aber selbst in einem solchen Fall sind die Hürden sehr hoch. Es ist einfacher zu erlauben, dass sich die Menschen in Italien zerstreuen, als sich an geltendes Recht zu halten.

Die Wahrheit ist: Wer die Überfahrt nach Lampedusa überlebt hat, kann für immer in Europa bleiben. Natürlich erwartet auch jene, die über ihre Asylgründe gelogen haben, ein unvergleichlich besseres Leben als das, was sie zurückgelassen haben. Von Lampedusa aus gesehen, ist es sehr einfach, sich Modelle vorzustellen, wie dieser riesige und fortdauernde Strom von Menschen fair und harmonisch über den ganzen Kontinent verteilt werden könnte.

Aber die Wahrheit ist bekannt. Abgesehen von der kleinen Gruppe der frühen und wohlhabenderen Migranten, werden die meisten Ankömmlinge vor dem Bahnhof von Mailand und auf einem Parkplatz in Ravenna nächtigen. Die Glücklicheren werden für Banden arbeiten und versuchen, gefälschte Luxusartikel auf den Brücken von Venedig und in den Seitenstraßen von Neapel zu verkaufen. Wann auch immer sie einen Polizisten oder das Blaulicht eines Polizeiwagens sehen, werden sie ihre gefälschten Taschen und Sonnenbrillen aufsammeln und verschwinden. Vielleicht sind sie beschützter, freier und sicherer, als sie zu Hause waren, aber man kann nicht behaupten, sie hätten eine glänzende Zukunft.

Zweiter und letzter Teil eines Auszugs aus:
Douglas Murray, Der Selbstmord Europas. Immigration. Identität. Islam. Edition Tichys Einblick, FBV, Hardcover mit Schutzumschlag, 386 Seiten, 24,99 €.


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Author: Samantha Rodriguez

Last Updated: 1702003322

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